Problembewältigung

Jetzt kommen wir zu einem der aufregendsten und spannendsten Kapitel in Fietje's und meinem Kampf, zum "Dream-Team" zu werden.

Zwar weiß ich momentan noch nicht so genau, wie ich am cleversten zu erzählen anfange, aber geben Sie sich keinen falschen Hoffnungen hin - ich finde schon einen Weg ;-)!

Im Frühjahr 2002 nahm ich an einem lind-art®-Seminar zum Thema Mensch-Hund-Harmonie teil und lernte dort viel über die Motivation von Hunden, über richtiges Spielen mit meinem kleinen Rotzlöffel, über Spannungsaufbau und Signaltiming. Was ich aber vor allem lernte (heute weiß ich, dass das so ist!), war - Ralf Rumstich kennen!

Ralf, der zu dem Zeitpunkt lizenzierter lind-art®-Trainer war, kümmerte sich gemeinsam mit Dieter Reinhard besonders um die Teilnehmer der so genannten Trainingswoche, die im Anschluss an das Seminar abgehalten wurde, um die dort angerissenen Themen zu vertiefen. Zwar war ich aus finanztechnischen Gründen nicht dabei, dafür aber meine liebe Ingrid Heller sowie Christina Dorn.

Diese beiden haben - wie wohl die meisten von uns - einen tüchtigen Motivationsschub für die weitere Hundearbeit bekommen und wollten nicht, dass das alles gewesen sein sollte.
So hielten sie mit Ralf Kontakt, der sich nach einigem hin und her bereit erklärte, bei uns in Osnabrück weiter mit uns zu arbeiten. So nahm das "Elend" seinen Lauf...;-))).

Eines schönen Tages im Herbst ging es los. Eine Gruppe von neun Menschen mit ihren Vierbeinern hatte sich eingefunden, um schneller, höher, weiter, intensiver, besser, motivierter bzw. motivierender etc. mit ihren Hunden zu arbeiten.

Was ich besonders toll fand, war die Tatsache, dass wir nicht alle einem bestimmten Übungsschema folgen sollten, sondern dass jeder ganz individuell an für sich wichtigen Problemen arbeiten sollte und durfte. Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass ich plötzlich und unerwartet in die Situation gebracht werden würde, Probleme zu bewältigen, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie hatte...

Freie Fußfolge

So erinnere ich mich, dass ich weiter daran arbeiten wollte, Fietjes Aufmerksamkeit und Konzentration besser und länger zu halten - und das, obwohl vielleicht im benachbarten Stadtteil eine Ameise hustet! Ja, Sie lachen, aber ich sage Ihnen was: Jeder hat sein Päckchen zu tragen - die sehen alle nur anders aus.

Hinter diese Weisheit sind wir alle gekommen, da wir einzeln trainierten und so hinreichend Gelegenheit hatten, die unterschiedlichsten Menschen und Hunde im Umgang miteinander zu beobachten und den Blick für Kommunikationsprobleme, Missverständnisse, besondere Verhaltensweisen bei Mensch und Hund immer intensiver zu schulen.

Kennen lernen der passiven Einwirkung

Was uns natürlich nicht davon abgehalten hat, in unseren jeweils eigenen Übungs-Sequenzen z. T. ungeheure Kreativität zu entwickeln, wenn es darum ging, unsere Hunde kräftig ins Schleudern zu bringen - nicht absichtlich, aber wirkungsvoll! In dieser ersten Trainingseinheit, zum Beispiel, war ich drauf und dran, für Ralf einen Notarztwagen zu rufen, weil er plötzlich auf dem Platz

stand wie ein Storch im Salat, der parallel dazu mit dem Kopf zuckte wie eine Schildkröte, die Schwierigkeiten hat, denselben in den Panzer zu ziehen. Was mich von der Notarztwagen-Theorie abbrachte, waren meine acht Mitstreiter, die sich wohl vor Lachen in die Ecke werfen wollten.

Im Gegensatz zu mir hatten sie nämlich - von außen guckt sich's leichter! - gleich erkannt, dass Ralf, wahrscheinlich nur unwesentlich übertreibend, dabei war, mir klar zu machen, dass ich durch meinen "Körpereinsatz" Fietje dazu gebracht hatte, das Sitz-Kommando nicht mehr zu erkennen, weil er es ohne "die kleine Schildkröte" nicht als solches empfand. Und dabei war ich sooo stolz, dass ich meinem Hund nur diese minimale Hilfe geben musste, damit er - schwupps - auf seinem Hintern saß...

Und noch während ich dieses schrieb, hörte ich Ingrid sagen, was ich sie seitdem oft habe sagen hören "trau deinem Hund mehr zu, sei klar mit ihm, dann versteht er dich auch!" Heute muss Ingrid diesen Satz nicht mehr sooo oft zu mir sagen, denn ich habe ihn verstanden (versuche immer wieder, nicht in eine Falle zu tappen) und erwische mich gelegentlich sogar dabei, wie ich ihn an andere weitergebe.

Jedoch gab und gibt es noch immer nachgerade widerlich viele Dinge, die ich zu lernen habe und zu lernen gedenke (Gott sei Dank bin ich ein Verfechter der bekannten Theorie, dass der Weg das Ziel sei), aber manche Brocken sind echt schwer zu schlucken. Dabei dachte ich schon einmal, es wäre schwierig, sich einen "Hupfdala" abzugewöhnen. Sie wissen nicht, was ein "Hupfdala" ist?

Auch wieder eine so klitzekleine Hilfestellung für meinen ach so kleinen Hund... Wenn ich mit Fietje aus der Grundstellung losmarschiert bin - genau - ich bin MARSCHIERT - bin ich, um ihn zu animieren, mich auch bestimmt auf gleicher Höhe zu begleiten, mit einem ersten Schritt, der jeder Humptata-Kapelle zur Ehre gereicht hätte, angegangen. Sollte ich aber nicht.

Phh, mir doch egal. Ich habe schließlich den Ehrgeiz, Fehler auszubügeln und wir einen Schlafzimmerschrank mit Spiegeltür. Davor habe ich Furchen in den Teppich geübt (Fietje musste natürlich nicht mittrainieren, der kann ja laufen!) bis ich ganz normal angehen konnte. Womöglich liegt hier der Grund für die Musikauswahl zu meiner ersten Solo-Choreographie im Dogdance. Fietje und ich tanzen zum Radetzky-MARSCH ;-).

Das war einmal

Aber ich will nicht ablenken. So, wie auf dem Bild nebenan, wird man Fietje und mich nicht mehr sehen. Es begab sich nämlich, dass wir - also unser "Ralf-Kurs" - und eine Gruppe von Hundeleuten in Brake beschlossen hatten, gemeinsam einen Workshop zu gestalten. Wir trafen uns für ein Wochenende und, ich mache es kurz, es war einfach schrecklich für mich. Fietje beliebte mir konsequent, wann immer ich mit ihm arbeiten wollte, den "Stinkefinger" zu zeigen. Ich wiederum beliebte, das überhaupt nicht zu mögen.

Natürlich hätte ich mich, da bin ich mir sehr sicher, über diese wenig erfreuliche Situation retten können, indem ich die Frisbeescheibe, die ich zu Einstimmungszwecken benutzt hatte, nicht in die Tasche gesteckt, sondern Fietje auch weiterhin "angeboten" hätte.

Das wollte ich aber nicht. Ich fand einfach, dass mein Hund auch ohne Lockmittel und trotz großer Ablenkung gehorchen sollte. Und ich wollte mir dabei helfen lassen, genau dieses zu erreichen.

So kämpfte ich - eher verbissen als erfolgreich - vor mich hin, bis Ingrid mein Elend nicht mehr mit ansehen konnte, sich Ralf schnappte und die beiden sich mich.
Ich lief mehr oder weniger wie in Trance, hörte nur auf die Anweisungen, die die beiden mir zuriefen - in diesem Moment hatte es sich mit Tralala und Motivation; Fietje sollte lernen, auf mich zu achten, ohne dass ich ihm ständig sagte, was er zu tun oder zu lassen hätte. Deshalb gab ich ihm keine Kommandos mehr, lief nur hin und her, wechselte permanent die

Richtung und das eine oder andere Mal spürte Fietje auch über den Druck auf dem Halsband, dass ich nicht in seine Richtung lief, sondern er vielleicht doch schleunigst gucken sollte, wo ich mich herumtrieb.

Und ich muss wohl sagen, dass Fietje es nicht richtig toll fand, dass ich mich nicht nach ihm richtete - war er es sooo anders gewohnt?! Er schien jedenfalls darüber nachzudenken, ob sich die Welt plötzlich anders herum drehte oder ob sie gar doch eine Scheibe wäre.

Ich meine, warum sollte es ihm auch besser gehen als mir? Durch unsere unterschiedlichen Betätigungsfelder konnte man förmlich dabei zusehen, wie Fietje immer mehr Spaß daran hatte, mit mir zu arbeiten und zu lernen.

Aus genau diesem Grund war ich während des Workshops auch so geschockt. Denn da wurde deutlich, dass viel zu oft Fietje arbeitete, weil ER es wollte und nicht, weil ich eine Trainingseinheit eingeläutet hatte. Als ihm dann plötzlich und unerwartet etwas Anderes spannender erschien, fühlte er sich offensichtlich nicht mehr "im Dienst" und zeigte das auch. Nun gut, einen Fehler erkennen, heißt, einen Weg finden zu können, ihn zu beheben!

Inzwischen haben wir uns wieder, ich zeige ihm auch in Kleinigkeiten, dass ich gern diejenige bin, die sagt, wo es lang geht, er denkt scheinbar nicht mehr über die Form unserer schönen Erde nach und Schritt für Schritt arbeiten wir gemeinsam weiter an meiner Vorstellung vom "Dream-Team". Ingrid unterstützt mich unglaublich, korrigiert mich immer wieder, kennt Fietje und mich sehr gut, so dass sie auch sich potenziell auf der einen oder anderen Seite einschleichenden "Hintertürchen" gleich Einhalt gebietet.

Und er kann so schön gucken...

Und wo ich schon einmal so schön dabei bin, deutlich zu machen, was ich will und was nicht, arbeite ich auch verschärft daran, Fietje das Stänkern an der Leine abzugewöhnen, das ich ihm gewissermaßen "beigebracht" habe (da macht er seinem Geburtsnamen "Atilla" echt alle Ehre).

Diese Unart fing er nämich im zarten Alter von anderthalb Jahren an, als er pubertierendes Ungeheuer war und sooo süß, dass ich es nicht gleich unterbunden habe; in dem irrigen Glauben, das würde sich schon "rauswachsen". Nee, hat es nicht, es ist schlimmer geworden und natürlich aus Fietje's Sicht eine "liebe Gewohnheit".

Wäre ich pessimistischer veranlagt, würde ich mich unentwegt fragen 'was wäre wohl gewesen, wenn ich damals gewusst und gefühlt hätte, was ich heute weiß und fühle', aber dann würde ich mir wohl auch konsequenterweise im Halbstundentakt in den Hintern beißen...